20 Kommentare zu “Wortbeflügler: 41. Begründung

  1. Die Menschen sahen ihn an und auch wenn sie nichts sprachen, konnte er das Wort von ihren Lippen ablesen. Das Fenster war geschlossen, doch es bestand nur aus Glas. Von drinnen sah die Welt aus wie immer. Von draußen sah er aus wie immer. Nur dass es kein „einander“ gab dazwischen. Und kein „mit“.

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  2. Meine Flügel? Bitteschön!

    Einen kurzen Moment blieb er am Fenster stehen und schaute in das Zwielicht des späten Nachmittages. Die Gaslaternen warfen einen mattgelben Schein auf die regennasse Straße. Keine Menschenseele war zu sehen. Nur der Schatten einer Katze huschte an der Wand des gegenüberliegenden Hauses entlang.

    Na, du suchst wohl auch ein warmes und trockenes Plätzchen, murmelte er, während er die schweren Vorhänge zuzog.

    Er dachte an den Kater, der schon vor langer Zeit gestorben war. Obwohl kein Foto an ihn erinnerte, sah er das runde Gesicht mit den Bernsteinaugen ganz deutlich vor sich. Er schlurfte mit schweren Schritten zur Anrichte und betrachtete das Bild, von dem ihm goldgerahmt eine junge Frau entgegen lächelte. Einen Moment wusste er nicht, ob diese Augen seiner Frau oder seiner Tochter gehörten. Sie sahen sich so ähnlich. Die großen Augen, immer neugierig das Leben suchend, die linke Augenbraue, leicht hochgezogen bei beiden. Als sein Blick auf die Grübchen fiel, die diesem Lächeln etwas spitzbübisches gaben, seufzte er. Es gab keine Grübchen zum Schluss. Nur tiefe Kerben, von Leid und Trauer ins Gesicht gemeißelt.

    Er nahm das Foto in die Hand und streichelte zart das kalte Glas. Immer noch überlegte er, welche Frau ihn so anlächelte. Es war ein einladendes Lächeln, dachte er. Warum war ihm das noch nie aufgefallen. Hatte sie ihn so angelächelt, beim ersten Mal? Er wusste es nicht mehr. Er wusste so viel nicht mehr. Tag für Tag schlichen sich Erinnerungen fort. Eine bleierne Müdigkeit befiel ihn.

    Mit einem weiteren Seufzer stellte er den Rahmen zurück auf die Anrichte. Er ging zum Fenster und zog die Vorhänge wieder auf. Draußen war es dunkel geworden. Als er das Fenster weit öffnete, ließ ihn die eisige Novembernacht frösteln.

    Er drehte den Heizregler auf Null und setzte sich in den alten Ohrensessel. Märchensessel, hatte seine Tochter ihn genannt. Eine Erinnerung an Winterabende. Seine Tochter auf seinem Schoß. Der Kater zusammengerollt auf einer Lehne. Lesezeit. Nach ihrem Tod hatte er sich nie wieder hinein gesetzt.

    Er stand auf und nahm das Bild von der Anrichte. Ihr Lächeln spiegelte das seine im Licht der Lampe zurück. Er ging zum Schalter und schalte die Deckenleuchte aus. Tastend suchte er den Weg zum Sessel und ließ sich hineinfallen.

    Die Kälte umhüllte seinen Körper, doch er spürte sie bald nicht mehr. Denn er würde die Einladung annehmen. Seine Tochter und seine Frau hatten lange genug auf ihn warten müssen.

    © Elvira V.

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    • Wow! Du hast die Andeutung des Traurigen aber bis zu den Wurzeln verfolgt und von dort aus bis zum bitteren Ende sprießen lassen. Aber so traurig der Text ist, so schön ist er auch!

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  3. Ich bin nicht nur ein Anhänger selbsbestimmten Lebens sondern auch eines selbsbestimmten Todes (wenn es das, philosophisch betrachtet, überhaupt geben kann). Wenn es notwendig erscheint, eben auch durch Erfrieren.
    Wobei ich gerade an meinem Schreibtisch sitze und die Füße an die Heizung halte 🙂

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  4. „Als es kalt wurde, schloss er das Fenster. Er liebte diese Jahreszeit, weil sie seiner Abneigung, vor die Tür zu gehen, einen verständlichen Grund lieferte.“

    Doch das war längst nicht ausreichend. Selbst wenn er Fenster und Türen schloss, um die Kälte auszusperren, oder sich weitere Kleidung überzog, der Kälte seines Herzens konnte er nicht entfliehen. Sie war mit ihm. Sie legte sich mit ihm schlafen und erwachte mit ihm. Gemeinsam saßen sie am Frühstückstisch, gemeinsam gingen sie durch den Tag und durch die Nacht. Manchmal hinderte sie ihn am Schlafen, machte es sich in seinem Kopf gemütlich und flüsterte ihm unschöne Gedanken zu. Dann erhob er sich und wanderte ruhelos durchs Zimmer. In diesen Momenten hätte er gern die Kälte vertrieben, die nicht nur sein Herz mit eisigen Fingern umschloss, sondern auch sein Hirn.

    Die Kälte war stets präsent. Ganz gleich, welche Jahreszeit herrschte, innerlich war er erfroren.
    So öffnete er schließlich nicht einmal mehr das Fenster, als der Frühling seine ersten Zeichen schickte.

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  5. Hallo Philipp,

    ich bin soeben auf deinen Blog gestoßen und finde deine Wortbeflügler eine wundervolle Idee. Da werde ich auf jeden Fall mal mitmachen. (Wenn mir das Studium denn grad Zeit zur Phantasie lässt…)

    Viele Grüße,
    Mila

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